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Lehrer-Umschichtung in Wien: „Keine Reform, sondern Rohrkrepierer“

Am Montag zogen Hunderte Lehrer, Eltern und Kinder protestierend durch Wien: Sie kritisierten das neue System der Lehrerzuteilung und „Einsparungen durch die Hintertür

Wien, 1.7.2021 | „Wir sind hier, wir sind laut, weil man uns die Bildung klaut!“ Für viele Kinder war es die erste Demo, aber sie waren um nichts weniger laut als ihre Eltern und Lehrer. Bei brütender Hitze zogen sie vom Rathaus zum Bildungsministerium, um gegen die Lehrerumschichtungen in den Wiener Pflichtschulen zu protestieren. Rund 1.000 sind gekommen, schätzt die LPD Wien.

Eindrücke von der Demo (sorry für die schlechte Tonqualität)

„Bildung neo(s)liberal: so wenig wie möglich, so viel wie nötig. Pfui!“ und „Zukunft, Bildung und Inklusion nicht kaputtsparen“ stand auf den zahlreichen Plakaten, Trillerpfeifen und Sprechchöre sorgten für ordentlich Lautstärke im ersten Bezirk. Die Kritik richtet sich vor allem an Bildungsstadtrat Christoph Wiederkehr (NEOS), der die neue Lehrerzuteilung beschlossen hatte.

Damit sollen Lehrer-Planstellen von derzeit besser ausgestatteten Schulen zu sogenannten Brennpunktschulen wandern. Doch auch manche Brennpunktschulen verlieren Personal, zeigt sich schnell beim Gespräch mit anwesenden Volksschul- und NMS-Lehrern. Auch wird befürchtet, dass Klassen aufgelöst bzw. zusammengeleget werden müssen.

„Großes Defizit“, „Wahnsinn“

„Nach diesem furchtbaren Jahr entlassen sie im letzten Moment Leute. Meine Stelle ist hoffentlich sicher, aber einigen meiner Kollegen wurden die Verträge nicht verlängert“, sagt der Engländer Kieraen Ross, langjähriger Volksschullehrer im 20. Bezirk. Die Native Speaker-Englischlehrer verlieren ungefähr ein Viertel ihrer Unterrichtsstunden, berichtet er: „Ein großes Defizit.“

„Auch bei uns müssen Lehrer gehen. Es ist erschreckend, dass das die Resultate sind, die sie aus der Pandemie ziehen, anstatt mehr ins Schulsystem zu investieren“, sagt eine junge Lehrerin, die an einer Brennpunkt-Volksschule in Favoriten unterrichtet, wie sie sagt. Die Reform sei, anders als von der Stadt behauptet, „weder fair noch transparent“.

Dass die Reform so kurz vor den Sommerferien kommt, sei Kalkül: „Es wird ihnen durchgehen. Die Lehrer werden das im September schupfen, weil sie halt wie immer funktionieren müssen. Auch den Kindern zuliebe.“ Anstelle von Einsparungen bräuchte es dringend kleinere Klassen und mehr Personal, sagt die Lehrerin: „Wenn man das Erwachsenen antun würde, wäre das ein Wahnsinn.“

Nicht viel besser die Situation an der Volksschule Zennergasse in Wien-Penzing, berichtet Lehrerin Gabriele Starkl: „Ein Fünftel unseres Lehrpersonals muss gehen, das sind vier bis fünf Lehrstellen. Das ist enorm, gerade jetzt nach Corona, wo viel Stoff nachzuholen ist, aber auch viele Ängste bei den Kindern bestehen.“

Zwar habe das Ministerium zusätzliche Mittel für Lehrstellen bereitgestellt, „aber wo die Stunden hingegangen sind, wissen wir nicht.“ Die von der Stadt Wien zuletzt angekündigten zusätzlichen 2.200 Lehrstunden pro Woche bedeuten nur etwa rund 100 zusätzliche Lehrer: „Ein Tropfen auf den heißen Stein.“

„Nicht auf Kosten anderer Schulen“

Auch viele Eltern sind gekommen. „Das ist keine Reform, sondern ein Rohrkrepierer“, sagt eine Mutter. Ihr Sohn kommt im Herbst in eine „eigentlich super Schule“ im 22. Bezirk, der jetzt aber Personal weggenommen werde. „Es sollen prekäre Schulen natürlich unterstützt werden, aber doch nicht auf Kosten derer, die gut funktionieren.“

 „Die NEOS haben versprochen, etwas für Bildung zu tun, aber anscheinend geht das in der Rathauskoalition nicht. Jetzt machen sie halt etwas Halbgares, aber das ist keine Reform, sondern nur ein Verteilen, sodass am Ende alles Mittelmaß ist“, sagt die Mutter.

„Ein System wie in den USA kann ja keiner wollen, dass öffentliche Schulen nur noch Restschulen sind. Von der SPÖ hätte ich mir das nicht erwartet“, sagt eine andere Teilnehmerin der Demo. Und die angekündigten zusätzlichen Freizeitpädagogen seien „bei allem Respekt für ihre Arbeit nur ein günstigerer Ersatz für Lehrer.“  

Um 15.30 Uhr ist der Minoritenplatz vor dem Bildungsministerium gut gefüllt, die vielen Trillerpfeifen und Sprechchöre müsste auch Minister Faßmann gehört haben. Reden gibt es keine, eine Stunde später ist alles wieder vorbei. „Schade, dass nicht mehr Eltern gekommen sind“, sagt eine Volksschul-Lehrerin. Doch es wird nicht die letzte Demo gewesen sein, heißt es am Ende.

Gerecht und transparent?

Zwar hat Bildungsstadtrat Wiederkehr kurz vor der Demo einen runden Tisch mit Elternvertretern und Schulleitern abgehalten, auch will er „individuelle Lösungen für Härtefälle“ finden. Es solle „selbstverständlich keine Kündigungen“ und in Summe keine Reduktion von Lehrpersonal geben. Vielmehr gehe es um eine „gerechte und transparentere“ Verteilung, heißt es aus Wiederkehrs Büro.

Genau diese behauptete Transparenz fehle aber, kritisieren die Lehrer auf der Demo. Auch auf unsere Anfrage kann oder will die Stadt Wien nicht beantworten, welche Schulen Lehrpersonal verlieren und welche zusätzliches erhalten. „Abzusehen ist, dass ca. ein Drittel der Pflichtschulen mehr LehrerInnen haben wird, ein Drittel gleich viel und ein Drittel weniger als zuvor“, heißt es bloß.

Generell sei der Bund am Zug, 1.000 zusätzliche Lehrerstellen in Wien zu finanzieren, sagt Stadtrat Wiederkehr. Auf diese Forderung angesprochen, verweist das Bildungsministerium auf das jüngste Förderpaket, von dem Wien „besonders profitiert“ hätte, und spielt den Ball zurück an die Stadt: „Das ist eine Wien-Geschichte“.

/Florian Bayer, 1.7.2021

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