Österreich Politik

Neue Lockerungen: Die Masken fallen

Obwohl sie gut etabliert sind und effektiv schützen, lockert die Regierung die Maskenpflicht und andere Maßnahmen. Experten sehen das differenziert, warnen jedenfalls vor Leichtsinn und der ansteckenderen Delta-Variane.

Foto: vperemen.com / CC BY-SA 4.0

Wien, 30.6.2021 | „Für alle Geimpften ist die Pandemie vorbei“, sagt ein freudestrahlender Kanzler Kurz. Gesundheitsminister Wolfgang Mückstein steht neben ihm, kein Wort des Widerspruchs. Dass mittlerweile etliche Corona-Infektionen auch vollständig Immunisierter dokumentiert sind: geschenkt.

Trotz rasanter Ausbreitung der neuen Delta-Variante wird in Österreich gelockert: Fast überall, wo die 3G-Nachweise gelten (u.a. in Hotels, Restaurants, bei Sportveranstaltungen, Friseur etc.) entfällt die Maskenpflicht. Wo die Getestet/Geimpft/Genesen-Regel keine Voraussetzung ist, also etwa in Öffis, Bahnhöfen, Taxis, Arbeitsorten mit Kundenkontakt, reicht künftig ein Mund-Nasen-Schutz statt einer FFP2-Maske – selbst in Pflegeheimen und Spitälern, sofern die Betreiber keine strengeren Regeln verfügen. Und: Die Nachtgastronomie darf wieder öffnen, und zwar ohne Sperrstunde (3G gilt).

Das sind die Eckpunkte der neuesten Corona-Verordnung, die schon vor Wochen angekündigt und gestern am späten Abend – gerüchteweise wegen Unstimmigkeiten zwischen Grünen und ÖVP – erlassen wurde. Morgen Donnerstag (1.7.) tritt sie in Kraft. Weitere Lockerungen, vor allem bei der Maskenpflicht, sollen am 22. Juli folgen.

Überraschend in die Verordnung inkludiert wurde, dass Quadratmeter-Beschränkungen im Handel nun gänzlich entfallen. Dass bei körpernahen Dienstleistern (etwa Friseuren) und in Ordinationen keine Maskenpflicht mehr gilt, stößt auf Kritik. „Warum heben wir diese billige und äußerst effiziente Maßnahme auf?“, schreibt HNO-Ärztin Daniela Litzlbauer im semiosis.at-Gastkommentar.

Auch dass das AMS in seinen Kursen ab morgen sowohl 3G-Regel wie auch Maskenpflicht aufhebt, ist nicht nachvollziehbar. Durch das Fehlen gleich beider Maßnahmen gibt es weder präventiven Schutz, noch Screening – positive Fälle in den oft engen Kursräumen bleiben wohl meist unerkannt. Bereits zuvor hat das AMS mitten im zweiten und dritten Lockdown auf Präsenzkurse gesetzt. Derzeit machen mehr als 75.000 Menschen einen AMS-Kurs, ab sofort wieder in Präsenz.

Pandemie nicht vorbei

Expertinnen und Experten sehen die sehr weitreichenden Öffnungen teils kritisch, auch wenn das Infektionsgeschehen in den letzten Wochen stark zurückgegangen ist. Dass Öffnungsschritte wieder zurückgenommen werden müssen, wie in anderen Ländern, könnte auch Österreich noch blühen.

„Das Gefühl, dass Corona vorbei ist, sollte sich auf keinen Fall einschleichen“, sagte Mikrobiologe Michael Wagner von der Uni Wien in „Wien heute“. Je vorsichtiger und solidarischer man sich jetzt verhalte – jedenfalls bis alle mit Impfinteresse geimpft sind –, desto kleiner werde die Herausforderung im Herbst.

Aufgrund möglicher eingeschleppter Fälle von Reiserückkehrern müssten PCR-Testmöglichkeiten in allen Bundesländern beibehalten werden, sagt er. Auch brauche es „aggressives Contact Tracing“.  Selbst bei einer Impfrate von 80 Prozent der impfbaren Bevölkerung blieben „Millionen Menschen ungeimpft“ – was zu „Mini-Epidemien“, also größeren regionalen Clustern, führen könne.

Bauchweh bei Nachtgastronomie

Kritik hinsichtlich der Lockerungen äußerte auch Mikrobiologe Ulrich Elling von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in der ZiB2: „Gerade die Nachtgastronomie macht mir ganz klar Sorgen. Da ist Contact Tracing nicht wirklich möglich und da werden wir starke Durchseuchungen durch Delta beobachten.“

Gemeint ist die aus Indien stammende, ansteckendere Delta-Variante, die sich in ganz Europa rasant ausbreitet. In Deutschland lassen sich bereits 50 Prozent aller PCR-bestätigten Neuinfektionen auf diese Mutation zurückführen. In Österreich lag der Wert letzte Woche bei 25 Prozent, Anfang Juni waren es lediglich zwei Prozent.

Die gute Nachricht: Nach dem jetzigen Stand der Wissenschaft schützen die gängigen Impfstoffe sehr gut vor der neuen Variante – jedenfalls bei voller Immunisierung, also nach der zweiten Teilimpfung.

„Müssen schnell reagieren“

Für durchaus angemessen hält die Lockerungen Komplexitätsforscher Peter Klimek vom Complexity Science Hub Vienna – jedenfalls zum jetzigen Zeitpunkt. „Die Fallzahlen sind niedrig und sinken weiter. Allerdings müssen wir davon ausgehen, dass Delta auch in Österreich bereits die dominante Variante ist oder sehr bald sein wird“, sagt er im Interview.

Um aber nicht die Fehler des letzten Sommers zu wiederholen – nämlich zu spät auf die zweite Welle zu reagieren – müsse die Regierung bereits jetzt definieren, bei welchem Infektionsgeschehen sie welche Maßnahmen setzt: „Steigen die Zahlen zwei, drei Wochen lang durchgehend an, müssen wir wieder Gegenmaßnahmen setzen.“

Unbestritten sei, dass die Reisetätigkeit im Sommer die Virus-Zirkulation erhöhen wird. Klimek hält Einreisekontrollen aus Urlaubsländern, derzeit fast abgeschafft, daher für „fraglos sinnvoll“ – jedenfalls dort, wo man sie exekutieren kann.

Neue Maskendebatten?

Dass die Maskenpflicht gelockert wird, sieht er differenziert. „Wenn die Infektionszahlen insgesamt so gering sind wie derzeit, wird es wenig Unterschied machen, wie viele Leute welche Maske tragen.“ Auch sei der Zusatznutzen von FFP2-Masken im Vergleich zum Mund-Nasen-Schutz noch kaum empirisch erforscht.

Andere Experten, etwa der Umweltmediziner Hans-Peter Hutter im STANDARD, kritisieren das Fallen der Masken in einigen Orten: „Damit bricht man wie schon im vergangenen Sommer mit einer Gewohnheit und eröffnet im Fall einer Wiedereinführung neuerlich die Debatte darüber, wie sinnvoll Masken eigentlich sind – und das sind sie.“

/Florian Bayer, 30.6.2021

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