Österreich Politik

AMS und Weltfrauentag: Offener Brief an Arbeitsminister Kocher

Unzureichender Schutz in AMS-Präsenzkursen, stattdessen gutgemeinte Postings – offener Brief einer Deutschtrainerin.

Auch in der dritten Corona-Welle finden AMS-Kurse nach wie vor in Präsenz statt. Bereits im Dezember äußerte eine Kurstrainerin ihren Unmut über fehlenden Schutz, überfüllte Räume und mangelnde Information bei Coronafällen per offenem Brief bei AMS-Chef Johannes Kopf. Kopf antwortete darauf nicht. Viel besser sei es seitdem nicht geworden, berichtet die Trainerin.

Nun verbreiteten Kopf und Kocher Postings zum Weltfrauentag, die wegen der misslungenen Optik und der nicht ganz dazu passenden Arbeitsmarktpolitik einige Kritik nach sich gezogen haben.

Bezugnehmend darauf schreibt die Deutschtrainerin, die nach wie vor unter den unzureichenden Sicherheitsvorkehrungen in AMS-Kursen leidet, einen offenen Brief an den Arbeitsminister (12. März 2021). Sie will anonym bleiben.


Lieber Herr Kocher,

mit Ihrem Posting zum Weltfrauentag erlebt der ausgemusterte Blondinen-Witz eine unerwartete Neuauflage. Wie Ihre Damenriege drei Buchstaben in aussagekräftiger Reihenfolge in Händen hält und arglos lächelnd zur Schau stellt, das hätte kein Karikaturist besser erfinden können.

Sie sollten die Satiriker dieses Landes ehestens zu AMS-Schulungen verpflichten, wo sie lernen, die deftigsten dieser Witze an Ihren vorzüglichen Geschmack anzupassen. Ich werde eine Doktorarbeit zum Thema „Renaissance des Herrenwitzes“ schreiben, an der Universität von Bratislava. Halten Sie sich bereit, Herr Weber.

Ich bin zwar nur eine unbedeutende Deutschtrainerin, mit den Wortblüten so mancher heimischer Karrieristen kann ich es in jedem Fall aufnehmen. Aber nicht nur Wortblüten wuchern in meinen Kursen, auch neue Mutanten. Ich schlage vor, sie mit dem Kürzel FKK 8.3 zu kennzeichnen (das F-Wort, das Duo Kocher und Kopf sowie das alljährliche Datum des Frauentages). Schließlich sind es vorwiegend Frauen, die in Deutschkursen unterrichten.

In gewisser Weise stehen wir, das ist nicht von der Hand zu weisen, nackt vor unserem Klientel. Weder zählen wir zur priorisierten Gruppe des Bildungspersonals, noch dürfen wir Kursteilnehmer*innen, die einen Schnelltest verweigern, nach Hause schicken.

Wir werden noch einige Zeit ungeschützt, d. h. ungeimpft, in Präsenz-Kursen ausharren dürfen, daran wird auch der nächste harte Lockdown nichts ändern. Niemand kann uns absprechen, dass wir einen wichtigen Beitrag zum exponentiellen Wachstum leisten, sehr zur Freude unserer Kundschaft.

Seien Sie mal ganz ehrlich: Hätten nicht auch wir, wie die Tiroler Schibetreiber, eine Extra-Lieferung Biontech/Pfizer-Vakzine verdient? Gönnen Sie uns doch diese Freude, wo doch alle ihre Freude haben. Herr Kopf freut sich über die geschönten Zahlen, Sie erfreuen sich an unanständig gereihten Buchstaben, das Virus freut sich, ganz Österreich ist ein Freuden-, pardon, Frauen-, nein, Krankenhaus.

Mit freundlichen Grüßen,

Julia Pecile (Pseudonym)


Name und Kontakt der Verfasserin dem Autor bekannt. Ich habe übrigens im Lauf der letzten Monate mehrere Anfragen an Kopf und Kocher gerichtet, u.a. zur Notwendigkeit von Präsenzkursen mitten in Pandemie-Hochphasen. Die Anfragen blieben allesamt unbeantwortet.

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