Österreich

Impflotterie für Unipersonal in Wien

Die Stadt versuchte, den Ball flach zu halten, doch der Schaden ist da: Enttäuschung bei den Abgemeldeten, moralische Dilemmata bei jenen mit Impfangebot, Unverständnis allerorten, da Tausende Unimitarbeiter im Home-Office vor Angehörigen der Risikogruppen geimpft werden.

(Foto: Flickr/Franz Jachim. CC BY-NC-ND 2.0)


Wien, 8. März 2021 | So hatte sich die Stadt Wien das nicht vorgestellt: Die ersten Impfungen von Lehrer*innen und Kindergärtner*innen wurde vom Impfchaos rund um 4.000 angemeldete Uni-Mitarbeiter*innen überschattet. Diese konnten sich fälschlicherweise bei der Impfplattform für die allgemeine Gruppe „Bildungspersonal“ registrieren, viele von ihnen erhielten bereits konkrete Impftermine.

Geplant war das freilich nie, soll doch Unipersonal wie auch Lehrende in der Erwachsenenbildung laut städtischem Impfplan erst deutlich später geimpft werden. Die Stadt ruderte zurück, entschuldigte sich, sorgte aber mit der Lösung für neuerliche Verwunderung und Kritik.

Alle, die fälschlich angemeldet waren, sollen nichtsdestotrotz geimpft werden. Dafür seien „kurzfristig zusätzliche Impfdosen“ organisiert worden, sagt Sprecher Mario Dujaković. Diese – es geht um rund 8.000 Dosen AstraZeneca, jede*r Geimpfte erhält ja zwei Teildosen – stammen von „später geplanten Betriebsimpfungen von nicht-medizinischen Berufen mit Personenkontakt“. Nähere Informationen und exakte Zahlen blieb die Stadt Wien schuldig.  

Das Büro von Gesundheits-Stadtrat Peter Hacker argumentiert dieses Vorgehen mit einem „Vertrauensverlust gegenüber der Wiener Impforganisation“, der mit einer „Massenausladung“ von Impfterminen einhergehen würde. „Das wollten wir in der derzeit emotional aufgeladenen Stimmung vermeiden“, sagt Hackers Pressesprecher.

Fest steht, dass das Auswahlfeld „Bildungspersonal“ auf der Website viel zu allgemein formuliert war. Wo aber der „Kommunikationsfehler“ entstanden sei, will die Stadt noch prüfen. Dabei stammt die falsche Information direkt vom Pressesprecher selbst.


„Großer Unmut“ an den Unis

An den Unis wussten hingegen „alle, die die Berichterstattung in den Medien verfolgen“, dass vorerst nur Frühpädagog*innen und Lehrer*innen geimpft werden sollen, sagt eine Mitarbeiterin der Universität Wien. „Viele haben sich trotzdem angemeldet – und werden dafür jetzt auch noch belohnt. Während die, die sich bewusst nicht angemeldet haben, nun das Nachsehen haben.“ 

So komme es zur Situation, dass gesunde junge Doktoranden vor viel älteren, vorerkrankten Unimitarbeitern geimpft werden. Und natürlich vor den vielen Risikopatient*innen in Wien, die noch nicht geimpft wurden. „Der Unmut unter den Kolleginnen und Kollegen ist riesig“, sagt die Uni Wien-Angestellte, die anonym bleiben will.

„Impfneid ist zwar unangebracht, doch alle sollten aber das Gefühl haben, dass die Impfstoffverteilung nach einem nachvollziehbaren Konzept erfolgt.“ Das Beharren auf einer Fehlentscheidung sei nicht nachvollziehbar und demotivierend, sagt sie.

„Dass ich selbst nicht zur vorgezogenen Impfung eingeladen werde, finde ich in Ordnung. Schließlich gibt es Berufsgruppen, bei denen eine rasche Impfung viel dringender nötig ist. Aber natürlich lässt es einen etwas ratlos zurück, wenn man hört, dass Angehörige anderer Bildungseinrichtungen in den Genuss einer schnellen Impfung kommen – obwohl es bei ihnen ebensowenig Grund dafür gibt“, heißt es von einem Lehrenden an der TU Wien, ebenfalls hinter vorgehaltener Hand.

Auch auf Twitter entbrannten Diskussion, die aber schnell wieder verebbt sind. Das Problem besteht freilich weiter.

„Extrem ineffektiv” (Simulationsexperte Niki Popper)

„Menschen zu impfen, die im Home-Office sitzen, ist in Relation zu anderen Impfungen extrem ineffektiv und ergibt für das Pandemie-Management keinen Sinn“, sagt Simulationsexperte Niki Popper von der TU Wien. Es gebe eine „ganz klare“ Empfehlung des nationalen Impfgremiums, an die sich alle halten müssten, gerade in der jetzigen Zeit der Ausbreitung neuer Varianten.

Immerhin habe die Stadt, die grundsätzlich im Impfmanagement vieles richtig mache und vergleichsweise rasch impfe, schnell auf ihren Fehler reagiert. „Wenn auch die Lösung nicht optimal war. Besser wäre natürlich eine einheitliche Regelung im Sinne des nationalen Impfplans“, sagt Popper. Eine solche würde auch das Vertrauen der Bevölkerung in das Impfmanagement erhöhen. 

Er selbst und seine Kolleg*innen werden das erhaltene Impfangebot nicht annehmen, sagt Popper. Im Sinne der gesellschaftlichen Solidarität empfiehlt er diese Vorgangsweise allen, die nun fälschlich einen Impftermin erhalten haben. „Generell müssen Bund und Länder endlich transparent machen, wer wann wo und warum geimpft wird. Das muss nachvollziehbar sein“, sagt Popper, der auch Mitglied des Beraterstabs der Corona-Taskforce im Sozialministerium ist.

Rolle des Betriebsrats

Nicht mit Ruhm bekleckert hat sich auch der Betriebsrat für das wissenschaftliche Personal der Universität Wien. Dieser hatte am Montag die Impfmöglichkeit an den Mitarbeiterstand ausgeschickt, am Dienstag widerrufen, da für die Stadt Wien „Universitätspersonal nicht zum Bildungspersonal zählt.“ Am Mittwoch kam dann, nach der städtischen Pressekonferenz, der Widerruf vom Widerruf und ein neuer Aufruf zum Impfen.

Mail vom Betriebsrat der Universität Wien. 3.3.2021

„Das Problem ging von der Stadt Wien aus, doch die Mails des Betriebsrats haben nicht geholfen“, sagt ein Jungforscher an der Uni Wien. Er sieht eine „moralische Falle“, denn viele wissen zwar, dass es sich um einen Systemfehler handelte, dennoch das von der Stadt bestätigte „Recht“ auf ihren Termin haben.

„Der Betriebsrat könnte als moralische Instanz sagen: Ihr seid noch nicht dran. Und damit dem Einzelnen die moralische Entscheidung abnehmen“, sagt der Forscher, der sich auch über das übertriebene Engagement wundert. „Zu keinem anderen Thema – Prekariat der Wissenschaft, Knappheit der Fördergelder, die hochumstrittene Uninovelle – haben wir so viele Emails bekommen.“

Vom Betriebsrat der Uni Wien erhielten wir auf diese Kritik keine Erwiderung. „Es gibt erfreulicherweise nichts mehr zu schimpfen – die Stadt Wien hat eine Lösung gefunden, um das Durcheinander wieder zu lösen“, heißt es dort auf unsere Anfrage.

Auch das Rektorat der WU Wien hat zuletzt massiv Werbung für die Impfmöglichkeit gemacht – „nach ausdrücklicher Rückversicherung“ bei der Stadt, dass „Mitarbeiter von Bildungseinrichtungen generell“ geimpft werden können. Die Stadt Wien will so eine Zusage nicht gegeben haben.

Mail vom WU-Rektorat von Di, 2.3.2021

Impflotterie statt Impfplan

Woher der Fehler auch stammt: Jetzt geht es um das Fehlermanagement. Die Stadt hat mittlerweile eine eigene Anmeldekategorie „SchülerInnen, Studierende und Universitätspersonal“ angelegt. Die Impfungen der angemeldeten Unimitarbeiter sollen noch im März erfolgen.

Generell hofft die Stadt wohl, dass Gras über die Sache gewachsen ist. Die Berichterstattung war von vornherein verhalten, nur wenige Medien haben ausführlich über dieses Kommunikations- und Impfversagen berichtet.

Dass die Stadt beteuert, dass die „vorgezogenen“ Impfungen nirgends fehlen werden, ist jedenfalls schlichtweg falsch. Solange nicht genug Impfstoff für alle da ist, muss er an all jene aufgeteilt werden, die ihn am dringendsten brauchen. Und nicht in einer „Impf-Lotterie“, von der jetzt vielfach die Rede ist.

/Florian Bayer, 8.3.2021

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